Kennst du das? Du gehst durch deinen Tag. Ein Termin, ein Einkauf, das Kind an der Hand. Und am Abend weißt du kaum noch, was du unterwegs gesehen hast.
Ich möchte dir gerne eine Geschichte aus dem letzten Frühling erzählen. Ich war mit meinem Sohn im Killesberg Park in Stuttgart. Das schönste Frühlingswetter. Der Park war aufgeblüht, die Menschen auch. Als würde sich alles gleichzeitig öffnen. Ganz langsam. Und voller Kraft. Wir spazierten also durch den Park. Und begegneten einer älteren Dame, die neben uns anhielt und mich fragte:
„Ist das nicht wunderschön? Jedes Jahr aufs Neue?“
„Ja. Als wäre es das erste Mal“, sagte ich.
Wir lächelten uns an. Zwei Fremde, die für einen Augenblick dasselbe fühlten. Und sich darüber freuten, dass die andere es auch sieht.
Verbundenheit entsteht im Kleinen
Warum ich dir das erzähle? Weil in diesem Moment etwas zwischen mir und einer wildfremden Frau passiert ist. Verbundenheit. Unerwartet. Ohne Vorgeschichte. Diese Momente sind viel wert. Sie schenken Kraft. Und sie brauchen keinen Anlass, keine Verabredung, kein großes Ereignis. Sie brauchen nur, dass wir da sind, wenn sie auftauchen. Wäre ich mit meinem Sohn durch den Park gehetzt, hätte ich die Dame gar nicht gesehen. Und wohl auch die Blüten nicht, die unser kleines Gespräch überhaupt erst angestoßen haben.
Was ist Positivitätsresonanz?
In der Positiven Psychologie gibt es dafür einen Namen: Positivitätsresonanz. Die Psychologin Barbara Fredrickson beschreibt damit einen Moment, in dem zwei Menschen dasselbe positive Gefühl teilen, sich für einen Augenblick aufeinander einschwingen und verbunden sind. Wenn du tiefer einsteigen willst, ihr Buch „Die Macht der Liebe“ ist ein guter Anfang.
Das Entscheidende daran: So ein Moment setzt voraus, dass wir mit offenen Augen durch die Welt gehen. Dass wir spüren, wann Verbundenheit entstehen kann. Sonst geht sie an uns vorbei, während wir schon beim nächsten Punkt auf der Liste sind.
Wir hetzen nicht nur durch den Alltag. Auch durch unsere Fotos.
Und hier kommt die Kamera ins Spiel. Oder das Handy.
Wie oft hebst du am Tag das Handy, um ein Foto zu machen? Und wie oft werden daraus zehn, zwanzig Bilder von derselben Situation?
Wir dokumentieren viel. Am Ende liegen hunderte Aufnahmen in der Galerie, und trotzdem fehlt etwas. Die Menge ersetzt die Erinnerung nicht. Ein volles Handy ist kein volles Herz.
Das Sammeln läuft oft im selben Modus wie das Hetzen. Schnell drücken, weiter. Ohne den Moment wirklich gesehen zu haben, den wir da gerade aufnehmen.
Wie Fotografie dir hilft, langsamer zu sehen
Für mich ist die Fotografie das Gegenteil von diesem Tempo geworden.
Bevor ich fotografiere, halte ich an. Ich schaue mich um. Ich lasse die Umgebung auf mich wirken. Ich spüre den Moment, bevor ich ihn aufnehme. Und oft ist das Bild danach gar nicht mehr das Wichtige. Es ist der Moment, in dem es entstand.
Fällt mir das leicht? Nein. Es ist eine tägliche Übung, die mal gelingt und mal nicht. Auch ich renne oft genug durch die Straßen und schaue weder rechts noch links. Die Kamera holt mich zurück. Sie bringt mich zum Stehen. Sie schärft die Antennen für das, was sonst durchrauscht.
Das gilt für mich genauso wie für die Familien, die ich begleite. Wenn ich mit ihnen arbeite, wird ihnen oft zum ersten Mal seit Wochen bewusst, was ihnen im Alltag wichtig ist. Woran sie sich erinnern wollen. Und wie viele schöne Momente ihren Tag durchziehen, ohne dass sie es gemerkt haben.
Ein Impuls für dich: achtsamer fotografieren
Ich lade dich ein, in der nächsten Zeit anders zu fotografieren. Nicht mehr. Bewusster.
Probier das mal:
- Bevor du das Handy hebst, halte einen Atemzug lang an.
- Frag dich: Was sehe ich hier gerade? Woran will ich mich später erinnern?
- Mach ein Bild. Nicht zwanzig. Eins.
- Und am Abend die Frage: Wenn du diese Woche nur zehn Fotos hättest machen dürfen, welche wären es?
Du wirst merken, dass sich dabei etwas verschiebt. Der Blick wird weiter. Der Moment wird deutlicher. Und die Bilder, die bleiben, tragen dann wirklich etwas.
Der Blick lässt sich üben
Wahrnehmung ist kein Talent, das man hat oder nicht hat. Sie ist eine Haltung, die man wieder einnehmen kann. Immer wieder. Zwei Minuten am Tag reichen, um damit anzufangen.
Dafür habe ich „Auch 2 Minuten zählen“ gebaut. Einen kleinen Raum für Mütter, die viel funktionieren und sich dabei manchmal selbst verlieren. Drei Tage. Zwei Minuten am Tag. Am ersten Tag geht es ums Licht. Am zweiten um Nähe. Am dritten um eine goldene Spur, etwas Unscheinbares, das später fehlen würde. Fotografieren darfst du. Musst du nicht. Sehen zählt.
Häufige Fragen
Was ist Positivitätsresonanz? Positivitätsresonanz ist ein Begriff der Positiven Psychologie, geprägt von Barbara Fredrickson. Er beschreibt einen Moment, in dem zwei Menschen dasselbe positive Gefühl teilen und sich für einen Augenblick verbunden fühlen. Solche Momente stärken das Wohlbefinden und setzen voraus, dass wir aufmerksam genug sind, um sie zu bemerken.
Was bedeutet achtsam fotografieren? Achtsam fotografieren heißt, vor dem Auslösen anzuhalten und den Moment bewusst wahrzunehmen. Statt schnell viele Bilder zu machen, spürst du erst, was du gerade siehst. Das Foto wird dabei zweitrangig. Wichtig wird der Moment, in dem es entsteht.
Wie mache ich bessere Erinnerungsfotos vom Alltag? Fotografiere weniger und bewusster. Halte kurz an, bevor du das Handy hebst, und frag dich, woran du dich später erinnern willst. Ein einziges Bild, das du wirklich gesehen hast, sagt mehr als zwanzig, die im Vorbeigehen entstehen.
Brauche ich dafür eine gute Kamera? Nein. Dein Handy reicht. Es geht nicht um Technik oder um das perfekte Bild. Es geht um deinen Blick. Und der lässt sich mit jedem Gerät üben.
Katrin Monnerjahn ist Fotografin und Kulturwissenschaftlerin. Sie begleitet Mütter und Selbstständige durch sensible Übergangsphasen, mit Bildern, Worten und Räumen für Erinnerung und Wahrnehmung. Rhein-Neckar, Stuttgart, Pforzheim, Karlsruhe.
